Scrollen User doch?

Hand mit MausEine der für lange Zeit wichtigsten Usability-Regeln lautete: User scrollen nicht. Jakob Nielsen stellte 1996 fest, dass nur 10% der User bereit waren, das Scrollrad zu benutzen (Quelle: Jakob Nielsen’s Alertbox for May 1996).

Zehn Jahre später stellt Nielsen fest:

„Benutzer sind faul und dumm. Diesen Schluss können wir daraus ziehen, dass sie noch nicht einmal das Mausrad zum Scrollen bemühen.“ (Quelle: Nielsen/Loranger, Web Usability, Seite 43)

Aber dann relativiert Jakob Nielsen diese provokante Aussage. User scrollen vor allem dann nicht, wenn sie das Gefühl haben, es lohnt sich nicht. Die Informationen im sofort sichtbaren Bereich (above the fold) müssen so interessant sein, dass die User auch den unteren Bereich der Seite sehen wollen (vgl. ebd.). Auf der Homepage sollte ein User erkennen können

  • auf welcher Webseite er sich befindet
  • welchen Nutzen ihm die Seite bietet
  • welches die wichtigsten Produkte und neuesten Entwicklungen sind
  • wie er zu den für ihn relevanten Bereichen navigiert
    (vgl. ebd., S. 28)

Vertikales Scrollen zunehmend akzeptiert

In seinem Blogbeitrag 10 Useful Usability Findings and Guidelines geht der Usabililty-Experte Dmitry Fadeyev unter anderem auch auf Nielsens Richtlinien zum Thema „Scrollen“ ein: User scrollen doch und das nicht einmal so ungern. Den Ausdruck „above the fold“ hält Fadeyev angesichts der vielen verschiedenen Bildschirmauflösungen für nicht mehr zeitgemäß. Wichtige Informationen müssen seiner Ansicht nach nicht notwendigerweise oben stehen.

Die strikte Regel aus den 1990er Jahren, das Scrollen unbedingt zu vermeiden sei, gilt heute nur noch für das horizontale Scrollen. Dieses ist nach wie vor tabu. Vertikales Scrollen dagegen wird immer häufiger toleriert. In einer Untersuchung der Firma Clicktale aus dem Jahr 2007 scrollten 76% der Besucher nach unten, 22% ganz bis zum Ende der Seite – unabhängig von deren Länge.

Scrollbereitschaft und Seitentyp

Ich vermute, die Scrollbereitschaft hängt sehr stark vom Seitentyp ab. Bei Landingpages und Homepages sollte man nichts riskieren und die wichtigen Informationen auf jeden Fall über dem Falz platzieren. Wo genau das ist, hängt davon ab, mit welcher Bildschirmauflösung die Mehrheit der User bzw. die Haupt-Zielgruppe unterwegs ist. Auskunft darüber geben Web Analyse Tools.

Anders sieht es bei den Produkt- und Suchergebnislisten von Online-Shops aus. Hier kann man den Usern sicher längere Seiten zumuten und viele Shops tun das auch. Bei Zalando muss die Userin über 10 Bildschirmhöhen scrollen, wenn sie die erste Seite der Kategorie „Pumps“ betrachten möchte! Zalando ermöglicht es zwar, die Auswahl mittels Filter einzugrenzen (Faceted Navigation). Doch auch, um die Filter zu sehen, muss bereits gescrollt werden.

Apart ProduktlisteZahlreiche Online Shops bieten ihren Besuchern die Möglichkeit, die Länge der Produktlisten selbst einzustellen. Auch hier kommen zum Teil ziemlich lange Seiten zustande, wie das Beispiel von Apart Fashion zeigt.

User zum Scrollen bewegen

Sehr zu empfehlen ist in diesem Zusammenhang der Blogbeitrag How to make users scroll down your page von der Firma Conversion Rate Experts. Diese stellte fest, dass lange Seiten aufgrund ihres höheren Informationsgehalts in Tests oft sogar besser abschnitten, als die kürzeren Varianten – vorausgesetzt, man beachtet einige Designregeln. Diese werden im Artikel ausführlich und anhand von Beispielen erklärt. Der wichtigste Punkt: Die User müssen sehen können, dass es sich um eine lange Seite handelt und dass es nach dem Falz weitergeht.

Wie sieht die Zukunft aus?

Vertikales Scrollen ist eine Technik, die sich inzwischen bei den meisten Usern etabliert hat. Gehört den langen Seiten die Zukunft? Wenn man sich die Seiten führender Anbieter ansieht, liegt dieser Schluss nahe. Auch die zunehmende Verbreitung von Tablet PCs mit Touchscreens beeinflusst die Art und Weise, wie User sich auf Webseiten bewegen und könnte lange Seiten begünstigen.

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